
Im zweiten Teil des Rückblicks auf die NBA der 50 Jahre soll es nun vermehrt um das Team der Boston Celtics gehen. Ihr Aufstieg in den NBA Olymp kam nicht über Nacht. Während die Lakers die Liga der frühen 50er dominierten, hatten die Celtics bis 1950 Probleme überhaupt die Playoffs zu erreichen. Mit Ausnahme von 1948 sollte dies nicht gelingen. Ab 1951 ging es dann aufwärts und die Playoffs wurden immer erreicht bis man schließlich 1957 die ersten Meisterschaft feiern konnte. Aber wie konnte ein Kellerkind der NBA zum größten Namen im NBA Basketball werden? Wie konnte ein solches Team, dessen Dominanz die der Minneapolis Lakers verblassen – ja, fast vergessen – werden lassen sollte, zum Rekordmeister werden?
Eine einfache Antwort kann man darauf nicht geben. Eine solche Dynastie wird nicht über Nacht erschaffen und es dauerte eben seine Zeit bis alle Puzzleteile beisammen waren und zusammen das Ganze ergaben. Als Anfang kann hier sicher der Sommer 1950 angesehen werden. Nach den schon angesprochenen erfolglosen Jahren wurde zunächst ein neuer junger Coach angeheurt, der bereits mit den Washington Capitols* 1949 im Finale stand: Arnold „Red“ Auerbach. Der 32 jährige Auerbach sollte von nun an das Gesicht der Franchise werden und 16 der 17 Celtics Titel wurden unter ihm in leitender Position errungen. Bei den Titeln 1 bis 9 war er Trainer, bei Titel 10 bis 15 agierte er als General Manager und den letzten Titel holten die Celtics 1986 letztlich unter Auerbach als Präsident der Kelten. Den Titelgewinn der Celtics 2008 konnte Red Auerbach allerdings nicht mehr miterleben, da er im Oktober 2006 kurz nach seinem 89. Geburtstag verstarb.
Es war jetzt also der Mann für die Seitenlinie und personelle Entscheidungen gefunden. Jetzt musste nur noch die Qualität des Kaders aufgebessert werden. Und da sollten im Sommer 1950 „glückliche“ Umstände eine Rolle spielen. Solche „glücklichen“ Umstände waren es auch, die die Celtics immer wieder heimsuchten und damit den Erfolg begünstigen sollten. Es waren aber eben auch jene „glücklichen“ Umstände, die die Kelten bei vielen Fans anderer NBA Fans unbeliebt, teilweise verhasst, machten. Die erste glückliche Wendung kam mit der Auflösung der St. Louis Bombers. Den Celtics, die im Vorjahr 22 Siege bei 46 Niederlagen hatten, wurden die Rechte für Bombers Star Ed Macauley zugesprochen. Der 2,04 m „Easy Ed“ war zwar kein guter Rebounder aber ein begnadeter Scorer, der in der Saison 50/51 20,4 Punkte pro Spiel erzielen sollte. Damit wurde die Qualität des Kaders deutlich aufgebessert. Wie glücklich diese Verpflichtung wirklich war, sollte sich trotzdem erst Jahre später herausstellen.
Das zweite Mal, dass das Glück den Celtics hold sein sollte, hing ebenfalls mit dem Ende einer Franchise zusammen. Die Chicago Stags sollten ebenfalls nicht mehr in die Saison 1950/51 starten und so wurden ihre drei besten Spieler auf andere Teams verteilt. Jeder dieser Clubs hoffte, die Rechte an Max Zaslofsky zu erhalten. Er war der Star der Stags und immerhin viermal in Folge All-NBA First Team und mit 21 Jahren 1947 der jüngste Spieler, dem diese Ehre zu Teil werden sollte. Ein Rekord der annähernd 60 Jahre halten sollte bis Lebron James in knackte. Dieser Zaslofsky war nun als der Jackpot auf den die Teams hofften. Mit Andy Phillip war auch noch ein erfahrener Ballverteiler als Trostpflaster zu haben, den auch jeder als 2. Preis genommen hätte. Den dritten Spieler wollte allerdings niemand in der Welt haben. Er besuchte ein College mit Namen Holy Cross in Massachusetts in der Nähe von Boston. Zu seinen Zeiten als Collegespieler hatte er sich bereits in Boston und Umgebung einen kleine Fangemeinde mit seinem unorthodoxen Spiel aufgebaut. Im Draft weigerte sich Red Auerbach allerdings mit dem 1. Pick diesen Spieler zu draften und pickte stattdessen ein Center mit Namen Chuck Share, der jedoch aufgrund der Verpflichtung von Ed Macauley niemals für die Celtics spielen sollte. Über Umwege kam dieser dritte Spieler schließlich nach Chicago, wo er als einer der drei Spieler zur Wahl stand. Der Besitzer der Celtics Walter B. Brown machte keinen Hehl darum, dass er ihn nicht haben wollte. Als ihm dann letztlich doch die Rechte für ihn zu gelost wurden, meinte er nur:
“I could have fallen to the floor.”
Der Name des Spielers? Bob Cousy!

Obwohl in zunächst keiner haben wollte und die Scouting Reports ihn eher als ballverliebten Dribbler sahen und ein Scout schrieb:
“The first time he tries that fancy Dan stuff in this league, they’ll cram the ball down his throat.”
sollte er zum besten Aufbauspieler der 50er Jahre werden, der lange vor Allen Iverson, Tim Hardaway oder Pete Maravich das Dribbeln und Passen als Ausdrucksform seiner Spielweise zelebrierte. Da es zu Beginn der 50er Jahre keine MVP Auszeichnungen gab, musste er lange warte bis ihm diese Ehre endlich zu teil wurde. Aber 1957 konnte er dann endlich seinen ersten und leider auch einzigen MVP Titel gewinnen.
Zu den beiden Verpflichtungen von Macauley und Cousy sollte 1951 auch noch Bill Sharman als treffsicherer Guard stoßen. Jetzt hatte man eine gut besetztes Team mit erstaunlicher Offensivkraft beisammen. Nur konnte man in der NBA der frühen 50er so noch nicht erfolgreich spielen, da die Regeln die Center und langsames Spiel bevorzugten. Doch mit den Regeländerungen von 1954 kamen nicht nur das Ende der Lakers Vorherrschaft, es sah auch das Aufkommen eines neuen Spielstils: Der Fast Break. Endlich lohnte es sich, riskant und schnell zu spielen. Am besten für dieses Spiel besetzt waren dann auch die Celtics, die mit ihrem Wunderguard Bob Cousy als erstes NBA Team überhaupt die 100 Punkte Marke in Schnitt brachen. Die Fähigkeiten Cousys, die lange Zeit Kritik und Gelächter ernteten, waren auf einmal wichtig und gefragt. In der „neuen“ NBA konnte er jetzt seine Stärken ausspielen und avancierte zum Publikumsliebling. Mit seinen Behind-the-back-Dribblings, Behind-the-back-Anspielen und No-Look-Pässen erhielt er schnell den Namen Houdini of the hardwood.
Trotz dieser attraktiven Spielweise und den Draftpicks Frank Ramsey (1954) und Jim Loscutoff (1955) sollte der ganz große Wurf ausbleiben. Man erreichte zwar mit Auerbach und Cousy immer die Playoffs und seit den Regeländerung konnte man auch mit der schnellen Spielweise sichere Playoffteilnahmen verbuchen, aber 1955 und 1956 musste man sich zweimal den Syracuse Nationals um Hall of Famer Dolph Schayes geschlagen geben. Immer wieder ging den Kelten am Ende eines Spiels die Puste aus oder man fing sich wegen fehlender Defense einfach mehr Punkte als man selbst machen konnten. Das Konzept stimmte, aber es war einfach noch nicht komplett. Es fehlte einfach noch eine defensive Stütze. Ein Spieler, der hinten einfache Punkte verhindern konnte und so das schnelle Spiel der Celtics zum großen Erfolg führen konnte. Offense wins games, defense wins championships. Das war schon damals so.
Im Sommer 1956 sollte dann das letzte und wohl wichtigste Puzzleteil kommen. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit suchte Auerbach also einen defensiven Center, der den Rückhalt des Teams bilden sollte. Und es gab genau einen solchen Spieler im Draft: Bill Russell. Das Problem war aber, dass die Kelten, mittlerweile ein gutes NBA Team, viel zu weit hinten picken durften um sich wirklich Chancen auf den Collegestar zu machen. Aber wieder einmal war das Quantum Glück für die Celtics zur Stelle. Die Milwaukee Hawks wurden nach St. Louis verkauft und dort suchte man nach einem Lokalhelden, der Zuschauer anlocken und die Halle füllen sollte. Und wie es eben manchmal so ist, kommt Ed Macauley aus St. Louis und jetzt zeigte sich die ganze Tragweite des glücklichen Umstandes des Sommers 1950. Um an „Easy Ed“ zu kommen, waren die Hawks bereit ihren zweiten Pick Richtung Boston gehen zu lassen. Den 1. Pick hielt in diesem Jahr Rochester. Auerbach wusste aber, dass mit Maurice Stokes bereits einen reboundstarker Spieler in den Reihen der Royals stand und Bill Russell ihnen auch zu teuer gewesen wäre.
Nicht unerwähnt soll aber eine Tragödie bleiben, die im Zusammenhang hiermit steht. Während man in Rochester also auf Russell verzichtete und auf Stokes setzte, kam es im letzten Spiel der Saison 1957/58 zu einem tragischen Unfall. Beim Zug zum Korb von Stokes kam es zum Kontakt und er prallte mit dem Kopf unglücklich aufs Parkett. Er war sofort bewusstlos, fiel später ins Koma und erlitt Hirnschäden, aufgrund derer er den Rest seines Lebens gelähmt blieb. Er verstarb im Alter von nur 36 Jahren 1970.
Neben Russell konnte man sich im Draft 1956 mit Tom Heinsohn und K.C. Jones weiter verstärken und offensiv den Verlust von Macauley mehr als kompensieren. Heinsohn wurde von Auberbach sogar als Territorial Pick verpflichtet. Dies war eine Regel, die es NBA Teams von 1950 bis 1965 ermöglichte Collegespieler aus ihrer näheren Umgebung (~50km) zu verpflichten und so den Aufbau von Lokalhelden zu fördern.
Obwohl Russell wegen seiner Olympiateilnahme nicht vor Dezember 1956 zum Team stoßen konnte, überzeugte er gleich in seinem ersten Jahr mit 14,7 Punkten und 19,6 Rebounds. Die Celtics Fans und auch Red Auerbach waren mehr als nur angetan von seiner Defense, den geblockten Würfen und seinen Rebounds. In seinem ersten NBA Spiel gegen die St. Louis Hawks nahm er sich gleich deren Topscorer Bob Pettit an. Jetzt endlich war das Team komplett und mit einer wahren Hall of Fame Truppe um Bob Cousy, Bill Sharman, Frank Ramsey, Jim Loscutoff, Tom Heinsohn und Bill Russell** konnten sich die Celtics ihren ersten Titel (1957) gegen Pettit, Macauley und ihre Hawks gewinnen. Russell wurde zum Rookie of the Year ernannt und Cousy gewann seinen MVP.

Wie wichtig Russell für das Team war, sah man im Jahr drauf. Wieder hieß das Finale Celtics gegen Hawks. Nachdem in den ersten beiden Spielen jedes Team einen Sieg davon tragen konnte, traf es die Celtics im Spiel 3 ganz hart: Bill Russell musste mit einer Fußverletzung den Rest der Playoffs aussetzen. Ohne Russell konnte man zwar Spiel 4 überraschend gewinnen, aber man konnte Bob Pettit nichts entgegensetzen, der allein im entscheidenden Spiel 6 50 Punkte markierte. Im gleichen Jahr sollte auch ein Phänomen auftreten, dass Bill Russell 3 mal widerfahren sollte. Obwohl er in den Jahren 1958, 1961 und 1962 den MVP Titel holte, wurde er trotzdem jeweils nur ins All-NBA Second Team berufen. Die NBA begründetet die Tatsache damit, dass es vielseitigere Center gibt als ihn, aber kein Spieler so wichtig ist wie er.
In der Saison 1958/59 sollte dann letztendlich die große Siegesserie der Celtics starten, die zwischen 1959 und 1966 acht Titel in Folge gewannen. Mit der großen Siegesserie der Celtics ging auch der Wiederaufstieg einer anderen Franchise einher. Nachdem die Lakers aus Minneapolis 1954 ihren letzten Titel holen konnten, war man in den Jahren drauf weit davon entfernt ganz oben mit zu mischen. Die Saison 1957/58 schloss man sogar mit 19-53 ab, was den schlechtesten Record der Liga bedeutete. Nach einem 9-30 Start trat auch George Mikan, der zwischenzeitlich als Trainer aktiv war, zurück und wurde von John Kundla ersetzt. Das gute am Schlechtsein in der NBA ist, man bekommt einen guten Pick. Im Falle der Lakers sogar den 1. Pick 1958. Und mit dem holte man sich Elgin Baylor in die Mannschaft. Baylor, bereits am College ein Star, überzeugte gleich von Anfang an, sammelte 24,9 Punkte (4th NBA), 15,0 Rebounds (3rd NBA) und 4,1 Assists (8th NBA) und bekam den Rookie of the Year (ROY) Titel. Außerdem führte er die Lakers vom letzten Platz in die NBA Finals. Dort unterlag man aber den Celtics um Bill Russell. Damit sollte die größte Teamrivalität im amerikanischen Profibasketball beginnen. Baylor führte seine Lakers (ab 1960 in L.A.) weitere 7 Mal ins Finale, konnte aber nie den erhofften Ring holen. Dabei sollte er noch 6 mal an den Celtics scheitern, die für ihn so etwas wie seine persönliche Nemesis werden sollte.
Nachdem ihm Jahr 1958 also die größte Teamrivalität beginnen sollte, folgte im Jahr drauf die wohl größte persönliche Rivalität. Eine Rivalität die mit Bird-Magic oder vielleicht sogar Ali-Frazier gleichzusetzen ist. 1959 sollte nämlich der große Rivale von Bill Russell endlich die NBA Bühne betreten und jegliche Offensivrekorde zerbersten. Sein Name ist Wilton Norman Chamberlain. Er wird ähnlich wie Tom Heinsohn als Territorial Pick von den Warriors gewählt. Allerdings besuchte er die Universität in Kansas und so gibt es kein wirkliches NBA Team was seinen Anspruch auf den Territorial Pick geltend machen kann. Eddie Gottlieb, Besitzer der Philadelphia Warriors, aber überzeugte die anderen Besitzer davon, dass Chamberlain eine High School in Philadelphia besuchte und somit den Warriors Chamberlain als Territorial Pick zur Verfügung stehen sollte. Da Gottlieb in der damaligen NBA sehr einflussreich war, bekommt er mit diesem kleinen Trick die größte Offensivwaffe aller Zeiten. Bereits als Rookie bricht Wilt the Stilt mit 37,6 Punkten pro Spiel und 27 Rebounds pro Spiel die bestehenden NBA Rekorde. Am 7. November 1959 treffen Russell und Chamberlain im Duell der Giganten zum ersten mal aufeinander. Chamberlain gewinnt das Punkteduell mit 30 zu 22. Aber Russell geht wie später so oft mit dem Sieg heim.
Und auch den Titel holen sich die Celtics, wobei auf dem Weg ins Finale die Warriors von Chamberlain geschlagen werden. Chamberlain macht in der Serie zwar 81 Punkte mehr, aber Russell gewinnt mit seinem Team in 6 Spielen. Zumindest den MVP und ROY Award kann sich Chamberlain sichern und ist damit, neben Wes Unseld im Jahr 1969, der einzige Spieler dem dieses Kunststück gelingt.
Und mit diesen beiden Rivalitäten klingt das Jahrzehnt aus. Sowohl das Duell Celtics gegen Lakers als auch Russell gegen Chamberlain sollte das folgende Jahrzehnt bestimmen. Hinzu kommen individuelle Leistungen, die noch immer ungeschlagen sind und nach wie vor in den Rekordbüchern zu finden sind. Und natürlich sah das folgende Jahrzehnt den Höhepunkt der Celtics Dynastie.
Dazu dann aber mehr im nächsten Teil meiner Serie: Die Geschichte der NBA – Die 60er Jahre
* Im Eintrag vorher hatte ich Auerbach als Coach der Chicago Stags bezeichnet. Dies war falsch und ich habe den Fehler bereits behoben. Ich bitte dies zu verzeihen.
** K.C. Jones konnte aufgrund seines Wehrdienstes erst 1958 für die Celtics spielen.
Bilder: Paul Keleher & Vedia – Creative Commons – Flickr.com